Schluss, aus, vorbei für VZ-Netzwerke

von Andrej Winterholler

Vom erfolgreichsten sozialen Netzwerk zum Katzen-Gästebuch des Jahres

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2005 startete StudiVZ und wurde trotz großer Kritik1 als das erfolgreichste deutsche Startup-Unternehmen gefeiert.

Zwei Jahre später geht die Plattform an Holtzbrink und verspricht Reformen. Die Gier trieb die neuen Betreiber des teuersten Netzwerks Deutschlands Ende 2007 zu einem folgenreichen Schritt in der Gestaltung der AGB. Doch folgenreich ist nicht gleich erfolgreich, denn der Erfolg blieb dem Unternehmen fern. Eine Flutwelle der Abmeldungen erntete das bis dahin beliebteste und erfolgreichste deutsche soziale Netzwerk. Die Kritik an StudiVZ (zu der Zeit auch gerne StasiVZ genannt) überrollte das Land und zwang die Betreiber zu reagieren. Die kritischen Abschnitte der AGB wurden wieder entfernt.

Schon bald wuchs Gras drüber. StudiVZ leckte die Wunden und erfreute sich großer Publicity. So stieg beispielsweise auch der Page Rank® enorm an, da die Presse mit hohem Trustrank® und Page Rank® auf das Netzwerk verlinkte.

2008 stand studiVZ eine Klage von Facebook ins Haus. Doch wie auch bei anderen deutschen Kopien US-amerikanischer Startups wurde diese zu Gunsten des Klons entschieden.

Mit diesem Urteil hätte Facebook rechnen können, denn die Brüder Samwer (alias "Jamba-Brüder") - die sowohl an StudiVZ als auch an Facebook beteiligt waren - haben mit der Gründung und dem Verkauf von Unternehmen genug Erfahrung: Sie gründeten das Online-Auktionshaus Alando.de und verkauften dieses an eBay für 43 Millionen Dollar. Die unter Kritik geratene Jamba! GmbH ging an VeriSign für 273 Millionen Dollar.

Nach der gerichtlichen Niederlage entschied sich Facebook doch noch für einen diplomatischen Weg und bot StudiVZ für die Übernahme zwei Prozent Anteile am eigenen Unternehmen an, was bereits damals den kolportierten Kaufpreis (85 Millionen Euro)2 von StudiVZ überstieg. StudiVZ lehnte ab. Der Grund dafür war das fünffache an den Besucherzahlen sowie die Erfolgsgeschichte der deutschen Startups im Vergleich zu den US-amerikanischen Giganten. Affili.net, GMX, Web.de, Wer-kennt-wen, Xing, Zanox und Zalando (letzteres gegründet ebenfalls von den Samwer Brüdern) sind Alphatiere des deutschen Marktes und trotzen der Übermacht von der anderen Seite des Pazifiks.

Holtzbrink kapituliert, doch wem oder was ist dieser Misserfolg zuzuschreiben?

SchülerVZ bekommt nicht nur einen neuen Anstrich und einen neuen Namen (IdPool) sondern wird radikal umgestellt. Das einzige was bleibt ist die junge Zielgruppe und die noch vorhandenen User. IdPool soll den Schülern als Lernplattform dienen, und steht somit nicht in direkter Konkurrenz zu Facebook.

Für die übrigen Netzwerke StudiVZ sowie MeinVZ geht es ohne Antrieb bergab. Holtzbrink überlässt diese ihrem eigenen Schicksal.

Wir blicken noch einmal zurück. Im Januar 2007 hat Holtzbrink nach eigener Aussage diese Plattform für 85 Millionen Euro erworben. Ob es tatsächlich noch mehr war2 lassen wir offen. Die Tatsache ist, dass Wer-kent-wen erfolgreicher wurde als sein Konkurrent StudiVZ. Dabei erwarb RTL-Interaktive GmbH im Februar 2008 49 Prozent Wer-kennt-wen-Anteile für 5 Millionen Euro sowie ein Jahr später im Februar 2009 weitere 51 Prozent für ebenfalls 5 Millionen Euro. Ein Schnäppchen im Vergleich zu dem bezahlten Preis für StudiVZ? Oder hat sich Holtzbrink übernommen?

Die Stimmen der Online-User werden laut: Holtzbrink hätte sich verspekuliert und hätte StudiVZ gegen die Anteile an Facebook eintauschen sollen. Hinterher ist man immer schlauer. Ich für meinen Teil stehe hinter dieser Entscheidung, denn die Konkurrenz belebt die Wirtschaft und die Demokratie und lässt uns nicht zu den Sklaven des Monopols werden.

Trotz meiner Prognosen bin ich überrascht, dass Holtzbrink ihre "Kinder" so schnell aufgegeben hat. semphatic GmbH hat bereits seit langem die Lösung für das Problem der sozialen Netzwerke im Kampf gegen den Giganten Facebook in der Schublade liegen. Doch es ist nicht einfach sich Gehör zu verschaffen, auch wenn das Schiff bereits untergeht.

 

 

1 Einer der Gründer filmte junge Mädchen auf den Toiletten und stellte die Videos Online. Die Gruppen innerhalb des Netzwerks wurden nach eigenem ermessen zensiert.

2 Die von der Axel Springer AG angebotene 120 Millionen sollen jedoch abgelehnt worden sein.

Trustrank® und Page Rank® sind eingetragene Warenzeichen der Google Inc.

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Kommentare

Kommentar von Ruben Kesselow |

Hey Andrej,
danke für die interessanten Zusammenhänge!
Viel Erfolg auch mit semphatic auf dem deutschen SEO-Markt. Würde an der Stelle empfehlen, die Links zu Facebook und Co als "n0fqllow" zu deklarieren - mehr Linkjuice für semphatic :)